Lichtblick am 10.06.2023
Weltschmerz und Lebensmut
Weltschmerz und Lebensmut
Vor längerer Zeit fand ich eine alte Notiz von mir: „Selig ist, wer die Welt nicht hasst.“ Ich hatte mir zu diesem seltsamen Ausspruch keinen Autor notiert. Ich weiß auch nicht mehr, wo oder wie ich diese Sentenz aufgeschnappt habe. Aber es war die Zeit der Coronakrise (mit diversen Ängsten und einiger Schwermut), der Spruch gab mir eine Ermutigung mit auf den Weg und hatte auch etwas Befreiendes. Die Welt und ihre schrecklichen Dimensionen können uns lähmen, depressiv machen. Gottes Geist ist auch ein Geist, der uns davon befreien kann.
Eine ähnliche Ermutigungserfahrung machte ich in der Zeit der Coronakrise mit einem Gedicht von Hermann Hesse (1877 – 1962), das ich schon einmal vor vielen Jahren gelesen hatte und ermutigend fand. Es trägt den Titel: „Gestutzte Eiche“ und hat diesen Inhalt:
„Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirne ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.“
Hermann Hesse schrieb das Gedicht im Juli 1919, also etwa ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er war in den Kriegsjahren teilweise sehr starker Kritik ausgesetzt gewesen, auch das floss in das Gedicht wohl mit ein.
Die „Welt“ wird bei Hesse als ein mächtiges, geradezu „feindliches Wesen“ beschrieben, das extrem zerstörerisch wirken kann. Sie hat das „Weiche und Zarte“ in ihm „zu Tod gehöhnt“. Daraus spricht ein starker Weltschmerz. Aber das Ende gehört dennoch dem Lebensmut: „Und allem Weh zu Trotze bleib ich / Verliebt in die verrückte Welt.“ Das erinnert mich an den oben zitierten Spruch: „Selig ist, wer die Welt nicht hasst.“
Jesus Christus sagt in der Bergpredigt auch etwas Ermutigendes: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ (Matthäus 5, 4) Aus dem durchaus verständlichen, oft tiefen Weltschmerz kann durch Gottes tröstenden Geist immer wieder neuer, heilsamer und befreiender Lebensmut entstehen. Als Christen/innen sind wir in dieser so ambivalenten Welt immer wieder zwischen diesen beiden Polen unterwegs. Alles, was uns auf diesem Weg ermutigt, dürfen wir mit Dankbarkeit ergreifen.
